[>>]

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Frauen und Schönheit

Lasst uns für einige Minuten glauben, ich sei einsichtiger und besser als ihr in der Lage, mein Wissen zu meiner Zufriedenheit einzusetzen, ja? Angeregt durch Joanna's Beitrag gestern Abend habe ich heute Nacht hin und her gegrübelt und jetzt möchte ich einmal etwas zu dem Thema „Schönheit“ sagen.

Ich habe lange Jahre als Kosmetikerin gearbeitet und die wichtigste Zeit war dabei diejenige auf Norderney, während der ich eine Schönheitsfarm geleitet habe. Das bedeutet, dass ich mit Frauen jeden Alters und jeder Ausbildung für eine Woche oder länger sehr eng zusammen kam. Würde ich jemals anfangen, weibliche Lebensgeschichten auf zu schreiben, so käme mehr zusammen, als ich bewältigen könnte. Ein Thema ist vorherrschend, natürlich: die eigene Schönheit. Die für die meisten Frauen als abwesend, nicht vorhanden betrachtet wurde. Was glaubt ihr, wie viele Kundinnen sich schon am ersten Abend für ihre Anwesenheit entschuldigten, mir versicherten, sie wissen nicht schön zu sein und dass ich das nicht ändern könne ...

Habt ihr jemals andere Frauen oder vielleicht sogar euch selbst beobachtet, wenn sie aus der Umkleide heraus vor den Spiegel treten, um über den Kauf einer Hose oder einer Bluse zu entscheiden? Der Blick ist angestrengt, die Gedanken nur auf Kritik gerichtet. Kritik gegenüber sich selbst, nicht gegenüber der Hose! Sie zupfen an Pulli und Haaren, drehen sich um die eigene Achse, schütteln den Kopf, seufzen und blicken verstohlen nach anderen Kundinnen, ob nicht eine von ihnen entsetzt über diesen Anblick ist. Selten strahlt jemand, freut sich über das tolle neue Stück oder schaut sich zufrieden ins Gesicht. Sowieso scheint mir das ein Grund zu sein, weshalb viele Frauen so ungünstig gekleidet sind: sie schauen nicht auf die Gesamterscheinung, sondern nehmen sich stückchenweise auseinander und kaufen einfach das, was irgendwie irgendwo zu passen scheint. Steht die Farbe mir überhaupt? Mag ich mich darin bewegen? Und genau das hatte mich dazu gebracht, auf der Farm auch Farbberatungen an zu bieten.

Der Raum, der dafür vorgesehen war, war groß, hell und rechteckig. An der einen Schmalseite war eine tiefe Arbeitsplatte von der einen Ecke zur anderen angebracht, darüber ein Spiegel, der die Wand komplett bedeckte. Auf die meisten Frauen wirkte allein das schon einschüchternd. Was eine Farbberatung ist und wie sie abläuft, werden die meisten von euch vielleicht wissen: Nacheinander werden große Tücher in verschiedenen Farben über die Schultern gelegt, um zu sehen, welcher Ton optimal und welcher zu meiden ist. Oft läuft es so ab, dass eine Beraterin der Kundin mitteilt, was sie von nun an zu tragen habe, ihr einen Pass mit gibt, an den sie sich sklavisch zu halten habe und der dann innerhalb kürzester Zeit in der Ecke landet. Keiner von uns lässt sich gerne etwas vorschreiben, wir müssen es selber erkennen. Für mich hieß das, dass nicht nur ich etwas im Spiegel sehen sollte, sondern vor allem die Kundin selbst. Wenn ihr aber an die Frau aus der Umkleide denkt ...

Sobald also meine Kundin vor dem Spiegel saß, ich ihr die Theorie hinter dieser Beratung erklärt hatte und sie neugierig auf das Ergebnis war, bat ich sie, mir zu sagen, was ihr an ihrem Gesicht am besten gefalle. Bis auf eine in Prozent nicht zu erfassende Minderheit antwortete jede Frau (und es waren weit über hundert!) zunächst einmal gar nicht, drehten den Kopf nach links und rechts, drückten das Kinn auf die Brust, zupften an Nase, Ohren und Haaren, zögerten und zauderten, blickten mich ungläubig an, um letztendlich auf zu zählen, was sie alles NICHT an sich mochten. Und, glaubt mir das, das war vieles! Ich habe mir alles angehört und dann wiederum gebeten, mir zu sagen, was sie an sich mögen. Wieder Zögern und Zaudern und dann kam immer die gleiche Antwort, schüchtern und fragend hervorgebracht: „Meine Augen...?“ Da konnten Frauen vor mir sitzen mit den herrlichsten roten Naturlocken, der glattesten Haut, der zierlichsten Nase, dem sinnlichsten Mund, dem zartesten Schwanenhals, den höchsten Wangenknochen, alles egal, es waren immer die Augen, selbst wenn diese kaum zu erkennen waren.

Ich denke, das hat zwei Gründe: fast jede von uns hat schon einmal gehört, sie habe schöne Augen (weil die meisten Männer so originell sind, nicht wahr?). Augen sind ungefährlich, wir vergleichen ständig alles an uns: wer hat die längeren Haare oder Beine, den größeren Busen oder bessere Haut, aber Augen fallen nicht unter diese Art von Konkurrenz. Da kann man nicht viel falsch machen, wenn man zu gibt, mit ihnen zufrieden zu sein.
Schlimmer ist aber noch, dass die meisten Frauen wirklich nicht wissen, was schön an ihnen ist. Sie sehen nur Fehler über Fehler, Makel neben Makel. Und das war der Punkt, an dem diese Farbberatung für mich spannend war, der Punkt, an dem ich Frauen eben doch schön machen konnte. Eine Frau - die unsicher vor dem Spiegel sitzt, zugeben musste, sich selten einmal richtig zu betrachten – auf die Besonderheiten ihres Gesichtes oder ihrer ganzen Gestalt aufmerksam zu machen, war ein tolles Erlebnis. Wenn dann nach alldem das erste Mal die Tücher zum Einsatz kamen, wusste sie, worauf sie achten musste. Spätestens nach dem achten Tuch war sie fit: Meine Nase sieht mit grün schief aus, meine Augen leuchten bei rot und in orange werfe ich sie alle um.

Und da gab es diesen einen Punkt, an dem wir alle von den Männern hätten lernen können: sehr oft sind Kundinnen am Wochenende von ihren Männern besucht oder abgeholt worden und ebenso oft bestand die Holde darauf, dass ihr Held auch einmal farblich unter die Lupe genommen wurde. Und die meisten Männer waren nicht abgeneigt. Der große Unterschied war, dass Männer – gefragt, was sie dann an sich mögen – gar nicht mehr aufhören konnten mit der Aufzählung ihrer guten Attribute, von denen manche für mich nicht so sichtbar waren. Ganz schnell hatte ich meine Methode für die Jungs geändert und fragte statt dessen, ob es wohl irgend etwas an ihnen gäbe, was ihnen nicht gefiele. Das ging schnell, die Antwort lautete immer: „Nein.“

Und was die wunderschönen Frauen anbelangt, die sich selbst so nicht wahrnehmen: das, was wir vielleicht heute so besonders an ihnen finden, mag oft genau das gewesen sein, weswegen sie während der Pubertät gehänselt worden sind. Die schlanke Figur, die roten Haaren, die natürlichen Sommersprossen, ihre elegante Art zu gehen und zu stehen, ihre üppige Oberweite – was auch immer es war, oft ist es für sie selbst auch nach Jahrzehnten noch negativ besetzt.

Aber so klug ich das alles erlernt und durch schaut haben mag, klüger und einsichtiger bin ich eben auch nicht. Ich sehe mich auch meist nur als Addition meiner Makel, die beträchtlich sind. Um zufrieden zu sein und auf andere schön zu wirken, gehört nun einmal – banal und voller Klischee, wie es sein mag – auch das Akzeptieren der eigenen Attribute. Hätten wir uns alles selbst gemacht, so sähen wir anders aus. Würde ich mir freiwillig einen flachen Po (bäh, bäh, bäh) angebaut haben? Hätte ich nicht lieber rundere Waden und kürzere Arme? An guten Tagen betrachte ich mich auch im Spiegel, von oben nach unten und im Ganzen und denke: „Hey, komme, du wirst 42 und siehst doch ganz gut aus, kann man doch was draus machen.“ Aber viel zu oft mache ich mich deswegen verrückt und es kostet mich – ganz ehrlich – sehr viel Überwindung, mich für meinen Blog zu fotografieren. Und auch da habe ich mich heute Nacht – zumal ich angekränkelt und elend eh nicht schlafen konnte – gefragt, warum das so ist. Warum habe ich es geschafft, Frauen ein neues Selbstbewusstsein zu geben, aber mich selbst weiterhin nur negativ zu betrachten? Vielleicht eben weil ich in einer Branche gearbeitet hat, wo es auf ein gutes Aussehen ankommt. Kosmetikerinnen, die zu dick oder zu hakennasig sind, zu alt oder zu jung sind, haben bei Kundinnen einen schweren Stand (und noch weniger bei einem Personalchef). Zu den ersten Abendtreffs mit den neuen Kundinnen bin ich noch sehr entspannt gegangen, nachdem aber im Laufe der Woche mir auch gesagt wurde, wie ich dabei gewirkt habe, worauf die Frauen bei mir geschaut und geachtet haben, wurde ich vor jedem neuen Treffen nervöser, um den Ansprüchen gerecht zu werden: Natürlich und intelligent, schlank und aknefrei, perfektes Make up, unsichtbar und nicht zu bunt, schöne Haare, elegante Kleidung – all das wurde erwartet und es hat einige Zeit gebraucht, bis ich davon nicht mehr unter Druck gesetzt wurde.
Auch die Tatsache, dass ich auf dem Papier ja einiges habe, was unserem Schönheitsideal entspricht, belastet mich mitunter: Ich habe lange Beine, eine schmale Taille, 75B, ein ovales Gesicht, einen vollen Mund, zarte Hände – aber ich weiß eben auch, dass meine Beine zu dünn, der Bauch zu rund und schwabbelig, meine Haut unruhig und das Alter mir zu schaffen macht. Dabei habe ich oft das Gefühl, dass ich aus meinen positiven Eigenschaften hätte mehr machen müssen: mit mehr Sport, mehr Ruhe, mehr ich weiß auch nicht was.

Das war nun ungewohnt persönlich und ich hoffe, das stört euch nicht. Ich habe durch Kommentare hier und durch Mails seit Bestehen des Blogs einige Male Komplimente für mein Aussehen bekommen und jedes Mal fühlte ich mich wie eine Betrügerin. Jetzt fühle ich mich besser, wo ihr wisst, ich betrüge nicht absichtlich ;-)

Liege krank hier herum

und spiele. Interessant, wem ich ähnlich sehen soll...



MyHeritage: Celebrity Morph - Stammbaum software - Stammbaum kostenlos

MyHeritage: Celebrity Morph - Mein stammbaum

Michou Loves Vintage:

Patterns Knits Books

Suche

 

Aktuelle Kommentare

Emma Peel
I did not think of that ;) But I like it. Well it is...
michou - 11. Dez, 14:35
Die Knöpfe
Tja, wenn ich das mal so genau sagen könnte. Ich...
michou - 11. Dez, 14:34
The Cabane
très Emma Peel.
Shay (Gast) - 11. Dez, 04:30
Gefällt!
Sehr hübscher Kurzpulli! Schade, dass man die...
Laura (Gast) - 10. Dez, 16:58
Noch viel fleissiger
als du denkst, aber wieder einmal kranke Kinder, geschlossener...
michou - 24. Nov, 21:49
Wieder mal sehr fleißig...
Wieder mal sehr fleißig gewesen !!! Bei mir dümpeln...
Eva (Gast) - 24. Nov, 17:55
klar, wenn amn im Geschäft...
Schliesslich will man das verkaufen was man auf dem...
joanna (Gast) - 13. Nov, 22:54
@ Lara
An diesen Schnitt hatte ich noch gar nicht gedacht,...
michou - 12. Nov, 10:18
Ich erinnere mich
Du hattest das schon einmal erwähnt. Aber zum...
michou - 12. Nov, 10:16
gewuenschter Blusenschnitt.
also Burda hatte eine Bluse mit Kimono-Aermeln ohne...
Lara900 (Gast) - 11. Nov, 21:42
75 B? nie im Leben!!!
es wird nicht halten, ganz klar, weil die 75 cm Unterbrustweite...
joanna (Gast) - 11. Nov, 21:41
Also, ich finde auch...
Also, ich finde auch die Rückseite ist schön...
Eva (Gast) - 11. Nov, 14:36
Und wieder ...
... bist du so schnell. Der Link ist gut, ich hatte...
michou - 11. Nov, 11:48
super Hose!
erst mal Gute Besserung fuer die Jungs! (meiner hier...
Lara900 (Gast) - 11. Nov, 11:37
ich finde den Rock gar...
auf den Fotos sieht man den Wellen-Saum nicht. Die...
joanna (Gast) - 8. Nov, 00:04

Pattern reviews

Verfolgen

Über mich

Ich bin Bonnerin, habe auf einem sowjetischem Schiff, im Schwarzwald und auf Norderney gearbeitet, einen Australier geheiratet, zwei tolle Söhne bekommen und bin dem Stricken und Nähen verfallen.

Kontakt

andrea(dot)instone (at)netcologne(dot)de

Wetter

Aktuelles Wetter in Bonn:


Temperatur: -3 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 69 %
Sichtweite: 10.0 km
Luftdruck: 1008.1 mb
Windstärke: 11 km/h

Weather data provided by weather.com

Zufallsbild

DSCN2846

Web Counter-Modul